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15.11.2018 : 4:01 : +0100

Reisetagebuch vom 3. bis 23.10.2009

Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterDiese Schülergruppe war für drei Wochen in Indien und hat in dieser Zeit mit SchülerInnen der Dr. Arulappa Higher Secondary School am Projekt "Vom Schulhof zum Arbeitsplatz - Berufswahl in Deutschland und Indien" gearbeitet.

Außerdem waren noch vier Lehrerinnen mit in Indien. Diese Gruppe war 12 Tage dort und hat sich Zeit genommen, wichtige Personen innerhalb des Projektes kennenzulernen.

Während der Reise ist ein Online-Tagebuch entstanden.
Die Erlebnisse der ENSA-Gruppe sind als solche kenntlich gemacht.
Viel Spaß beim Lesen!

Unsere Sponsoren

Die ENSA-Gruppe bedankt sich bei den Sponsoren, ohne deren Unterstützung die Begegnung nicht möglich gewesen wäre:

  • Zunächst vielen Dank an die Verantwortlichen des ENSA-Programmes, die unser Projekt als förderwürdig angesehen haben. Sehr hilfreich war auch das damit verbundene Vorbereitungswochenende und die Auseinandersetzung mit entwicklungspolitischen Fragestellungen.
  • Der Nienburger Werner-Erich-Stiftung gebührt unser Dank für die großzügige Unterstützung mit 100 Euro pro Teilnehmenden.
    Wir haben uns sehr darüber gefreut!
  • Die Ernst-Stewner-Stiftung gibt netterweise ebenfalls einen Zuschuss in Höhe von 100 Euro pro Teilnehmenden. 
    Unser Dank geht an den Stiftungsvorstand!
  • Sebastian Edathy, MdB, hat sich dafür eingesetzt, dass wir ein Gratis-Visum für die Einreise nach Indien erhielten.
    Auch dies hat die Reisekasse deutlich entlastet.
    Recht herzlichen Dank dafür!

03.10.09 Anreise (geschrieben von Regina)

Der erste Schritt um kurz vor Mitternacht aus dem Flughafengebäude in Chennai war größer als alle anderen Schritte in den 20 Stunden der Anreise: 33 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit, fremde Gerüche und Geräusche und ein Empfangskomitee, das uns mit Blütenkränzen behängt und Orchideensträußen beschenkt und ganz herzlich willkommen heißt.
Absolut überwältigend!
Dann wurden wir und unser Gepäck in die gelben Schulbusse der „Dr. Arulappa Higher Secondary School“ verfrachtet, und ab ging es durchs nächtliche Indien in unser Ideal Beach Resort Hotel, wo wir uns die nächsten beiden Tage akklimatisieren wollen. 

Weitere Bilder in der Galerie

ENSA-Gruppe 04.10.09 Aryuveda und World Heritage Sites (von Regina)

Jetzt war erst mal relaxen angesagt: ausschlafen, ausgiebig frühstücken, ein Bad im indischen Ozean oder im Pool, abhängen in der Hängematte unter Palmen, einölen und durchkneten lassen bei einer Aryuveda-Massage – jede(r) wie es grad beliebt.

Dann ging es nach Mamallapuram zur Sightseeing-Tour mit Tempeln des UNESCO Weltkulturerbes und massenweise Postkarten- und Souvenirverkäufern. Wenn wir ein Gruppenfoto machten, fotografierten gleich immer viele andere mit ihren Fotohandys und Kameras mit. Wir waren bestimmt eine interessante Attraktion für die indischen Familien beim Sonntagsausflug.

Wir machten ein Foto am Beach Temple wie vor 3 Jahren, als wir das erste Mal mit einer anderen Gruppe hier waren.

04.10.09 Abendprogramm (geschrieben von Kathrin)

Am Abend wartete noch eine tolle Überraschung auf uns: das Abendessen wurde im Ideal Beach Resort vor einer Bühne am Meer serviert und dazu gab es „a cultural program“ mit Musik und Tanz von ehemaligen Schülerinnen und Schülern aus Neerpair.

Father Suresh hat vor einiger Zeit diese Gruppe gegründet. Sie nennen sich „WE-Group“. WE steht für „With Education“ und gleichzeitig natürlich „Wir“.

Diese ehemaligen Schülerinnen und Schüler studieren mittlerweile oder arbeiten in den verschiedensten Berufen. Da ihnen die Ausbildung erst durch Father Suresh ermöglicht wurde, fühlen sie sich ihm immer noch verbunden und möchten der Schule etwas zurückgeben. So spenden einige etwas von ihrem Einkommen und unterstützen Father Suresh bei vielen Projekten.

Es war ein wundervoller Abend unter dem Sternenhimmel mit tollen Eindrücken.

05.10.09 Empfang in Neerpair (geschrieben von Kathrin)

Heute Nachmittag  sollten wir zum ersten Mal die Schule in Neerpair besuchen. Für die ENSA-Gruppe hieß das „Tasche packen“, denn sie wollen ja bis Freitag dort bleiben und im Wohnheim übernachten.

Der Empfang war überwältigend: Alle Schülerinnen und Schüler hatten sich im Spalier für uns aufgebaut und winkten. Zur Begrüßung erhielten wir alle einen Blumenkranz umgehängt und einen gelb-roten Segnungspunkt aus Sandelholzpaste auf die Stirn. 

Der erste Programmpunkt war die Einweihung zweier kleiner Ladenlokale am Schuleingang. Sie wurden mit Geld vom Sponsorenlauf der Albert-Schweitzer-Schule (ASS), Nienburg, fertig gestellt und genau das ist auch auf einer großen schwarzen Tafel an der Außenwand zu lesen.

Dann ging es weiter durch die winkenden Schülerinnen und Schüler zum Schulgebäude, das neu in seiner blauen Farbe erstrahlte. Auch dieser Anstrich ist von den Spendengeldern des Sponsorenlaufs der ASS finanziert worden. Alles ist gerade frisch zu unserem Besuch fertig geworden..

Es folgte ein reichhaltiges Programm mit Tänzen, Musik, Sport- und Yoga-Vorführungen, Dankesreden und einigen Ehrungen. Wir saßen dabei als „chief guests“ auf gepolsterten Stühlen im Schatten, die ganzen indischen Schülerinnen und Schüler saßen – auch durch Überdachung vor der Sonne geschützt – um uns herum. 

Es war sehr beeindruckend, was die Schülerinnen und Schüler alles für uns vorbereitet hatten und mit welchem Engagement sie dies vortrugen.

Zum Abschluss gab es für alle deutschen Gäste ein sehr köstliches „Dinner“ mit Reis und vielen verschiedenen Sorten von Gemüse, Soßen und sogar Fleisch. Es wurde uns versichert, dass es gar nicht scharf sei („not hot“), allerdings mussten sich doch einige noch etwas Reis zum „Verdünnen“ holen… Insgesamt war es aber wirklich sehr lecker und bildete einen tollen Abschluss.

Danach hieß es Abschied nehmen, denn es wurde schon langsam dunkel.

Unsere ENSA-Gruppe hat ihre Schlafplätze im Schulgebäude bezogen. Wir sind schon gespannt, was sie morgen berichten!

Die anderen ließen sich bequem mit dem Auto ins Hotel bringen, um im gut gekühlten Zimmer zu schlafen... Bis morgen!

(Ausgesehen haben die Schlafplätze jedenfalls so ->)

06.10.09 Besuch der Schule in Neerpair (Tag 2) (von Kathrin)

Als wir heute Morgen in der Schule ankamen, herrschte schon geschäftiges Treiben. Unsere ENSA Schülerinnen und Schüler hatten bereits begonnen, die Freundschaftsbänder zu verteilen, und wir haben alle mitgeholfen. 1200 Bänder fanden begeisterte Abnehmer. Alles war gut organisiert – auf Trillerpfeifensignal kamen die Klassen, um sich die Bänder anlegen zu lassen. Es gab durchaus Lieblingsfarben, vor allem rot und gelb, bei den älteren Jungen vor allem schwarz und braun. Leider hatten wir nicht genug Bänder – aber wir sind dabei, noch mehr zu knüpfen, und einige unserer indischen Freunde haben ihre Begeisterung fürs Knüpfen entdeckt, so dass alle eine Erinnerung an unseren Besuch mitnehmen werden. Dann wurde es Zeit, sich die Science Exhibition anzusehen, die die indischen Schülerinnen und Schüler liebevoll vorbereitet hatten und präsentierten.

Es gab viel zu sehen und auszuprobieren – mathematische Aufgaben, geographische Quiz, Modelle von Wasseraufbereitungsanlagen und Raketen, Plakate über die Tierwelt Indiens und die Gefährdung des Regenwaldes und vieles mehr. Alle wollten den Besuchern voller Begeisterung die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren, und wir waren sehr beeindruckt von der Qualität der Exponate und der Freude und dem Stolz, mit dem sie vorgeführt wurden.

Unvergesslich ist auch die überaus herzliche Begrüßung aller Kinder – wohin wir auch kamen, waren wir umringt von lachenden, freundlichen Gesichtern und immer war die Frage:“ How are you? What´s your name?“ Der Besuch an der Schule war ein unvergessliches Erlebnis. Und es war schön zu sehen, wie gut die zusätzlichen Spenden von ARIVU und aus dem Sponsorenlauf für den Anstrich der Schule (wunderbares Blau!) und den Bau von 3 kleinen shops an der Straße verwendet worden sind.

P.S.: Es gab doch genug Freundschaftsbänder, wie sich später herausstellte. Lucas hat im Laufe der nächsten Tage etwa 150 Stück von Schülern eingesammelt, die mehr als eins hatten. Einige hatten auch beim Verteilen mitgeholfen und sich dabei gleich eine ganze Handvoll genommen! Aber Lucas kannte seine "Pappenheimer"... So konnten wir die Bänder noch an die restlichen Klassen verteilen.

06.10.09 Besuch im Dorf Porur (geschrieben von Jutta)

Versprochen war ein kurzer Bericht von unserem Besuch in einem Dalit-Dorf nahe Porur, doch es ist die Frage, ob das so möglich ist, denn dieser Besuch hat uns in ganz besonderer Weise beeindruckt. Das „eigentliche“ Dorf liegt immer einen knappen Kilometer weit von der Dalit-Siedlung entfernt, denn Dalits sind Kastenlose und daher nach traditionellem Verständnis der Inder „Unberührbare“.

Unser Empfang war sehr herzlich, wir wurden alle von den Frauen des Dorfes gesegnet, indem wir mit einer öligen Paste einen gelben und einen roten Punkt auf die Stirn bekamen. Außerdem wurde uns eine Kette aus Jasmin- und Hibiskusblüten umgehängt und wir wurden mit Weihwasser besprüht. So als Ehrengäste empfangen, durften wir im Dorf unter einem schattigen Baum auf Stühlen Platz nehmen.

Uns gegenüber ließen sich die Dorfbewohner auf dem staubigen Boden nieder. Nun konnten wir uns gegenseitig in Augenschein nehmen. Da saßen z. T. sehr alte, ausgemergelte Personen vor uns auf dem Boden, die ihre besten Saris angelegt hatten. Trotz der unglaublichen Armut strahlten alle diese Menschen eine unglaubliche Würde und ein positives Interesse an uns aus.

Wir machten einen Rundgang durch das Dorf; bei dem wir in einige Hütten gebeten wurden und uns dabei in die Steinzeit zurückversetzt fühlten. Die Hauswände bestehen z.T. aus Lehm, z. T. aus Palmblättern. So auch die Dächer: die Palmwedel halten bei Monsun ca. 70% des Regenwassers ab – bei ca. 200L/m2 Regenmenge kann man sich überlegen, wie lange die Hausbewohner und ihre Habe trocken bleiben.

Im Innern sind die Hütten sehr spärlich eingerichtet, es gibt nur einen Platz für Vorräte und für Schlafmatten. Wohnen in unserem Sinne kann man dort nicht. Gekocht wird draußen vor dem Eingang auf einem offenen Feuer, das unter einem kleinen, aus Lehm geformten „Zweiflammenherd“ angefacht werden muss. Eine Familie, die wir besuchten, verfügt sogar über einen kleinen Lehmofen zum Backen. Das Mehl dafür muss von Hand zwischen Steinen gemahlen werden, eben wie in der Steinzeit.

Dieser Besuch hat uns alle zutiefst berührt und beeindruckt. Es wird ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

07.10.09 Besuch beim Bischof bzw. Leisure Day (geschrieben von Kathrin)

Heute haben wir es ruhig angehen lassen. Ich bin mittags mit Herrn Mispagel und der hildesheimer Gruppe zum Bischof nach Chingleput gefahren. Die Diözese Chengleput ist erst vor sieben Jahren durch Teilung der Diözese Madras entstanden. Da der Bischof bei Amts­antritt „noch nicht einmal ein Telefon hatte“, wie es Herr Mispagel formuliert, muss die ganze Infrastruktur erst langsam aufgebaut werden. Daher ist alles noch ziemlich neu.

Der Bischof hat uns sehr freundlich in seinem Amtssitz empfangen. In seinem einfach eingerichteten Arbeits­zimmer hat er von seiner Diözese erzählt, wir konnten Fragen stellen und wurden dann zum Luch eingeladen. (Extra auf Nandhinis Anweisung „not spicy“ zubereitet.) Herr Mispagel konnte während der Zeit in Ruhe einige wichtige Punkte mit dem Bischof besprechen. Dann ging es zurück.

Im Hotel berichteten mir die anderen von ihren „Aktivitäten“: Aryuveda-Massage, Besuch im Hotelshop, Beobachtung des Meeres mit den kräftigen Wellen, Lesen in der Hängematte usw.

Nach den starken Eindrücken der letzten beiden Tage hat allen dieser entspannte Tag sehr gut getan. Wir alle brauchten die Zeit um die Gedanken zu ordnen und das Gesehene sacken zu lassen.

P.S. Unsere „indischen Verbindungsleute“ (=Nandhini und Francis) haben uns versichert, dass alle ENSA-Leute noch "well and alive" sind. Sehr schön!

P.P.S Unter http://stjohncampus.wordpress.com findet man ein blog unserer indischen Partner. Dort finden sich einige weitere interessante Informationen. Gucken lohnt sich!

ENSA-Gruppe 07.10.09 Kennenlernen und Vertrauensspiele (von Andrea)

Nach einer ersten Namens- und Kennlernrunde mit dem Spiel "Find the person who..." brachten Klaas und ich der deutsch-indischen Gruppe als Guten-Morgen-Ritual eine umgedichtete Strophe von "Danke" bei. Mehrfaches Üben half und es klang schon recht melodisch für den Anfang. Eine Spielrunde "Paper Pointer" frischte die Namen vom Vortag auf, auch wenn es noch eine Weile dauern sollte, bis wir sie konnten.

Ausgerüstet mit Kameras zogen nun 5 gemischte Gruppen zur Fotorallye los, um im ersten Teil fünf möglichst originelle Fotos irgendwo auf dem Schulgelände oder im Gebäude zu knipsen.Nun wurden die Kameras getauscht und jede Gruppe musste die fünf Motive der übernommenen Kamera finden und zum Beweis erneut fotografieren. Dabei erwiesen sich die Inder als echte Ortskenner und wir hatten viel Spaß, auch wenn zwei Fotomotive (Schulbus bzw. ein Moped) zwischendurch davon gefahren sind.

Prima verpflegt und ein wenig ausgeruht starteten wir in den Nachmittag, den unser indischer Gruppenleiter Lucas moderierte. " I'm walking" war das Motto, da er uns zahlreiche Varianten des Gehens und Bewegens im Raum ausprobieren ließ. Irgendwann "qualmten" jedoch unsere Sohlen, da wir barfuß auf dem Betonboden unterwegs waren.

Abgerundet wurde der Nachmittag durch zwei Vertrauensspiele. Zunächst galt es, wechselweise jemanden, der die Augen geschlossen hatte, nur durch Kontakt mit den Zeigefingern zu führen oder aber sich führen zu lassen.

Zum Schluss konnte jeder seinen Meister als Mechaniker machen, indem er seinen Roboter alias seinen Spielpartner zielsicher und ohne jede Kollision durch den Raum steuerte.

08.10.09 Weltkulturerbe in Mamallapuram (geschrieben von Geka)

Heute hatten wir den Tag zur freien Verfügung, da die hildesheimer Gruppe zu ihrer Partnerschule nach Kilachery gefahren ist. 
Dies war eine gute Gelegenheit, sich im nächst gelegenen Ort Mamallapuram umzusehen, in dem Tempelanlagen zu sehen sind, die dem World Heritage Erbe der Unesco zugeordnet sind. Unser sehr engagierter guide, der uns am Eingang ansprach („Guten Tag!“) führte uns in den Hinduismus ein und erklärte alles ausführlich – möglichst im Schatten, da wir in der Hitze etwas dahinwelkten.

Dabei war es nicht einfach, ihm  zu folgen – immer waren wir umringt von Händlern, die uns Postkarten und Schmuck und geschnitzte Elefanten anboten. Wenn man sich auf ein Geschäft einlässt, muss man  handeln -  und sich gleichzeitig mit einer Traube von Anbietern auseinandersetzen, die natürlich auch etwas verkaufen wollen.

ENSA-Gruppe 08.10.09 Schlafen und Sonnenuntergang auf dem Schuldach (von Joana)

Die(se) Nacht haben Klaas, Diana und ich auf dem Dach der Schule geschlafen. Der große Unterschied: nur 25 statt 32° C. Morgens um halb 8 wurden wir dann von drei Indern geweckt: Die Yogastunde war ausgefallen und somit waren wir nun das Interessanteste, was das Flachdach der Schule zu bieten hatte. Zum Frühstück um 8 kamen wir erst mal prompt zu spät. Aber „no problem“, denn die Inder sind „flexible in time“.

Im Seminarraum begann dann im Anschluss unser Tagesprogramm. Wobei das Wort „Seminarraum“ hier nicht ganz passend ist, Lagerhalle würde es wohl eher treffen. Aber diese Lagerhalle ist das Schönste, was einem hier passieren kann aufgrund der herrlichen 28° C mit Durchzug.

Unsere indische Gruppe ist klasse! Alles verschiedene Charaktere, von schüchtern bis zu ein wenig anhänglich. Eins ist bei allen gleich: das Lächeln, was ein begrüßt. Es ist anders als ein normales Lachen, es strahlt etwas aus, was mir noch nie zuvor begegnet ist. Es ist einfach nur total ehrlich und liebenswert.

Auf geht’s nun zum Programm, wobei das zwar aufschlussreich und interessant ist, aber für mich nicht wirklich im Vordergrund steht. Das was hier wirklich zählt, ist das Beisammensein und das Spielen, das Fotos angucken und das sich Unterhalten. Thema heute Morgen sind die Vorstellungen der Inder über Deutschland und umgedreht. Die Überschrift auf dem indischen Plakat ist so schön, das ich mich schon schäme: Lovely + Beauty = Germany.

Während unsere Meinung von Indien eher ein bisschen zweigeteilt ist (z.B. contrast between rich and poor, cultural diversity) haben die Inder ein ausschließlich positives Bild von uns, dass es einem Leid tut, denn auch in Deutschland gibt es nicht nur „loveable persons“; auch „helping others“ trifft ja nicht auf alle zu.

Am Nachmittag stehen unsere „future plans“ an. Das Ergebnis ist für mich überraschend. So VIELE Inder wollen sich später für Kinder einsetzen und Sozialarbeit machen, bei uns ist das ja eher eine Art Hobby so als „Nebenjob des Herzens“. Diese Art von Ergebnis hätte ich nicht erwartet.

Und in mir schwappt sowieso grad alles über, einfach zu viele Eindrücke. Am Abend brauche ich einfach mal Zeit für mich, darum schnapp ich mir Kathies I-Pod (meiner wurde nämlich geklaut, aber lange Geschichte...) und genieße den Sonnenuntergang auf dem Schuldach. Der ganze Himmel ist in ein tiefes Rot getaucht und es scheint als würde sich alles Glück über dem Horizont auf einmal ausschütten. Rings herum nichts außer Palmen und der Wasserdampf, der sich auf den Bergen zur Ruhe legt.

ENSA-Gruppe 09.09.09 Die grünen T-Shirts (geschrieben von Regina)

Heute haben wir die mitgebrachten grünen T-Shirts an unsere indische Gruppe verteilt. Katharina hatte sich darum in Deutschland gekümmert und 27 öko- und sozial-verträglich hergestellte Shirts bestellt und mit dem ENSA-Logo und „Exchange 2009 Nienburg-Neepair“ bei ‚Logo in Garn Baldewein‘ in Nienburg besticken lassen. Da wir die T-Shirts schon beim großen Annual Day anhatten, waren sie entsprechend verschwitzt und erst bis heute gewaschen...

Die Farbe ist hervorragend gewählt: Grün steht allen.
Nun sind wir auch optisch ein Team!

ENSA-Gruppe 09.09.09 Eine glückliche Woche geht zu Ende (von Michael)

Letzter Tag schon der ersten Woche, immer noch 30 Grad um Mitternacht, die ersten Regenschauer kündigen den Monsun an. Yoga um 7:00 auf dem Schuldach, indisches Frühstück mit allen um 8:00, die ersten Routinen haben sich eingefahren. Beim Essen sitzen die meisten Deutschen links aufgereiht, keine Chance gemeinsam zu beginnen, da erst wir bedient werden müssen. Dann erst kommen unsere indischen Freunde zum Zug. Keine Chance auch Teller abzuspülen, das ist (indische) Mädchensache, dafür sorgen schon die (indischen) Jungs. Zart provokante Versuche hier Unordnung durch (männliche) Mithilfe zu erzeugen verursachen sowohl Verlegenheit als auch dankbares Staunen. Um 9:00 dann unsere Morgenlieder (Thank you for this goooood morning... und Head shoulders knees and toes...). Unsere musikalische Gruppen-Performance erheitert uns zunehmend. In Gruppen aufgeteilt erarbeiten wir heute jeweils typische Tagesabläufe eines Wochen- und eines Wochenendtages aller TeilnehmerInnen.   

Nach einem tea break mit indischem chai und biscuits ist Kreativität angesagt. Wieder in gemischt deutsch-tamilischen Kleingruppen erstellen wir Collagen zu verschiedenen Modethemen (casual, evening, accessoires, make up + hair styles, men’s wear, shoes). Die fertigen Collagen können wir dann im „show room“ des angrenzenden „Fashion Institutes“ an die Wände drapieren, als Dauerausstellung. „Presentation matters“ ist der Wahlspruch des show rooms, und dieses Anliegen ist am Institut noch entwicklungsbedürftig. Da sich der Vormittag in die Länge zieht, der lunch später und doch eine allgemeine Müdigkeit vorhanden ist, treffen wir uns erst wieder um 3:00. Mittlerweile hat sich unser Fundus an Brett- und anderen Spielen um einige indische Spiele erweitert, und auch die Lust unserer indischen Freunde am Fotografieren hat beträchtlich zugenommen.

Wir schaffen es trotzdem, die Poster der Tagesabläufe wechselweise vorzustellen. Als Tendenz ist festzuhalten, dass die indischen SchülerInnen einen militärisch straffen Tagesablauf haben, der teilweise morgens um 4:00 beginnen muss, um zur Schule zu gelangen. Die SchülerInnen im Wohnheim haben genaue Zeitvorgaben, die mit Aufstehen um 5:30 beginnen, gefolgt von Gebet, Arbeiten im Garten und Wohnheim und Lernzeit, bis dann um 8:00 das Frühstück ausgeteilt wird und um 9:00 die Schule beginnt. Der Rest des Tages ist ebenso straff strukturiert, vom militärischen Morgen- und Abschlussappell mit Schüleransprachen, Beten und Nationalhymne singen bis zum Ablauf der Unterrichtsstunden, Freizeit am frühen Abend, Lernen, Arbeiten, Essensausgabe und „lights out 10:30 p.m.“. Am Wochenende gibt es mal einen Film im TV und Aufstehen ist eine halbe Stunde später.

Die Art der Unterrichtung wird von den indischen SchülerInnen kritisch dargestellt und als unglücklich empfunden. Es würde im Unterricht starr der Text des jeweiligen Schulbuches von den Lehrern vorgetragen, den sie dann mitzuschreiben hätten. Gleiches gälte für die Hausaufgaben, die sie in den verschiedenen „time slots“ ihrer Tagespläne  erledigen müssten. Es sind die kleinen Bemerkungen in den Gesprächen, die einen am meisten bewegen. Beim Vergleichen der jeweiligen Vorstellungen von „Indien“ und „Deutschland“ führten die InderInnen unser Schulsystem als erstrebenswert an. Sharmila bringt es so zum Ausdruck, dass sie denken, dass sie als indische SchülerInnen nach 10 Schuljahren auf dem Stand sind wie Fünftklässler in Deutschland.

Unser Freitag endet mit einem kleinen feedback der Woche. Es scheinen alle zufrieden bis glücklich mit dem bisherigen Ablauf zu sein. Sonia verabschiedet uns mit den Worten: “We are so sad that you are leaving but we are glad that you will come back. We wish you a happy and safe travel.“ Simbu ist skeptisch, er glaubt uns noch nicht so ganz, dass wir wirklich noch mal kommen. Sie würden gerne mit uns an den Strand oder nach Ooty mitfahren, was aber leider nicht mehr zu organisieren ist. So lassen wir einen goldfarbenen und warmen Abend auf dem Schulhof über uns rieseln, sehen einem Trupp Schüler beim Taekwondo Training zu, steigen in unseren(!) Schulbus und ruckeln zurück ins Hotel, in die Welt der Klimaanlagen, Preislisten und des Internets.

ENSA-Gruppe 10.10.09 Entspannung und Wehmut (von Regina)

Entspannen im Hotel war heute angesagt. Alle in der Gruppe genossen die Annehmlichkeiten des Ideal Beach Resorts. Die Aryuveda-Massage-Dame hatte Hochkonjunktur. Der schöne Strand mit Schattenplätzchen und Hängematte, die Brandung des indischen Ozeans, die Verlockungen des Strandrestaurants, die Pina Coladas der Cocktailbar, das klimatisierte Zimmer mit Terrasse, Minibar und richtiger(!) Dusche, das alles wurde ausgiebig gewürdigt. Nix mehr Wasser aus dem Eimer drüberschütten. Immer wieder beschlich mich jedoch der Gedanke an unsere indischen Freunde: Wie gern wären sie auch mitgekommen. Wie viel Spaß hätten sie am Strand und im Pool mit uns gehabt. Andererseits: Ein richtig entspannter Tag – sozusagen eine Auszeit – wäre es für uns dann nicht gewesen... Ich tröste mich mit dem Gedanken an die beiden Ausflüge, die wir noch gemeinsam machen werden.

Gegen Abend gingen wir am Strand entlang zur Tiger Cave Anlage. Beim Tsunani 2004 sind dort einige bisher unbekannte Teile freigespült worden. Auf dem Weg dorthin konnten wir die Auswirkungen einer unkoordinierten weltweiten, aber besonders deutschen Katastrophenhilfe sehen: Es liegen viel zu viele große Glasfiberboote mit Außenboarder am Strand (und verrotten sehr langsam vor sich hin). Zuvor wurde ausschließlich mit einer Art Einbaum gefischt. In der anfänglichen Euphorie wurde gefischt, was das Meer diesen großen motorisierten Booten hergab. Der Fischsegen währte nicht lange. Nun ist das Meer ziemlich leergefischt und die Regeneration dauert. Jetzt sind einige Fischer arbeitslos, andere kommen mit den geringen erträgen kaum über die Runden. Einige wenige haben profitiert, den meisten geht es schlechter als vorher. Ein typischer Fall von „gut gemeint, aber schlecht gemacht.“

Beim Tiger Cave ist Klaas den aufragenden Felsen bis nach ganz oben geklettert. Mutige Jungs, die etwas klettern können, machen sowas wohl. Oben haben ihm aber doch die Knie geschlackert... Auf dem Rückweg ins Hotel trafen wir eine große Gruppe indische Samstagsausflügler, die in voller Montur Spaß in den Fluten hatten. Schwimmen können nur wenige und das outfit dafür haben sie auch nicht. Schon wieder fielen mir Sharmi, Anitha, Sonia, Divya, Dhavamani und ihre Zwillingsschwester Dhavamary ein und Simbu, Madhan, Nepoleon, Pushbaraj und die anderen ein. Ich hoffe, wir schaffen es, gemeinsam in Chennai ans Meer zu fahren!

Morgen geht es in die Nilgiri-Berge nach Ooty. Dort besuchen wir das Technical Institute und schlafen in einem Priesterseminar, das über genau 12 Betten verfügt.

ENSA-Gruppe 12.10.09 Die Fahrt nach Ooty (geschrieben von Sarah)

Heute morgen um 5:30 mussten wir aufstehen, damit wir um 6:15 mit dem Transport zum Bahnhof gebracht werden konnten. Unser Transport waren 5 kleine 3-rädrige Rikscha-Taxis, die nicht schneller als 30 km/h werden. In 2 Rikschas wurden unsere Koffer transportiert, in die 3 anderen quetschten wir uns hinein.

Unser Zug,  genannt „Blue Train“ oder “Toy Train“, fuhr um 7:00 in Mettupalayam los. Bei der Geschwindigkeit könnte man nebenher laufen. Aber der historische Zug musste auch ganz schön hoch hinauf, denn Ooty liegt über 2000 m hoch. Die Strecke von Mettupalayam nach Ooty ist 36 km lang und dafür haben wir 5 Stunden gebraucht.

In dem Zug war es nicht so sehr bequem, aber ich hatte zwei Plätze, denn eine nette Inderin hatte sich extra umgesetzt. Das war auch gut so,  damit ich mein Bein hoch legen konnte.  Ich habe mir nämlich vor einer Woche, an unserem ersten Tag im Wohnheim, einen Bänderriss am rechten Knöchel zugezogen. Irgendwann habe ich versucht zu schlafen, was aber nicht so gut geklappt hat, weil der Zug so gerüttelt hat.

Aus dem Fenster konnte man die schöne Landschaft betrachten, und es war viel Zeit sich zu unterhalten.

Zwischendrin haben wir auch öfter mal für ein paar Minuten angehalten. Jedes Mal sind die meisten ausgestiegen, um Fotos zu machen, sich einen kleinen Snack oder Tee zu kaufen oder mal die Washrooms aufzusuchen. Bei einem Halt haben sich ein paar von uns indische Chips gekauft, die ganz lecker sind. Und schon kamen die Affen und haben gebettelt. Die Leute haben den Affen Chipskrümel und Kekse gegeben. Wenn sie nichts mehr bekommen haben, dann haben die Affen die Leute angefaucht.  Auch untereinander haben sie kleine Kämpfe gehabt. Die Affen wurden mindestens so oft fotografiert wie der Zug.

ENSA-Gruppe 13.10.09 Eröffnung des Schüler-Wohnheims (von Regina)

Der Hauptgrund für die Fahrt nach Ooty war die Einweihung und Eröffnung des neuen Schüler-Wohnheims der St. Joseph’s Industrial School. An dieser Schule werden junge Männer zum Tischler, Schlosser oder Schweißer ausgebildet und sie können ihren Führerschein machen.

Für die 3-jährige Ausbildung müssen sie insgesamt 1.000 Rupien zahlen (etwa 17 Euro!). Selbst das ist für einige der Familien zu viel! Am Ende der Ausbildung dürfen sie ihre Arbeitswerkzeuge behalten und haben so einen guten Start in eine berufliche Perspektive.

Die bisherigen Schlafräume für die 55 Auszubildenden, die in der Schule wohnen, waren extrem baufällig.

Nun haben sie einen riesigen Raum (schätzungsweise 500 bis 600 qm), in dem sie auf ihren Matten am Boden schlafen können, ohne Angst haben zu müssen, dass der Fußboden durchbricht. Außerdem kann der große Raum gut für Veranstaltungen genutzt werden, wie wir bei der Einweihungsfeier erlebt haben.

Indirekt hat auch Arivu zum Bau des Wohnheims beigetragen, denn Arivu hat für die Schule in Neerpair die kompletten Kosten des Neuanstrichs übernommen, die sonst Herr Dr. Mispagel und sein Verein „Aktion Indien“ getragen hätten.

Jetzt haben die Jungs (bzw. ihr Schulleiter) nur noch einen Wunsch:
Eine Anlage, um warmes Wasser zu bereiten!
(ausreichend Sonnenenergie ist ja vorhanden)

Die Temperaturen im hochgelegenen Ooty sinken nachts schon mal auf deutlich unter 10° C. Die Jungs haben erzählt, dass es manchmal sogar schneit. Der Schnee schmilzt im Ort dann schnell, bleibt auf den Bergen aber sogar liegen. Entsprechend kalt ist daher auch das Wasser, mit dem die jungen Männer sich und ihre Kleidung waschen müssen.

Vielleicht können wir, die Nienburger und der Verein Arivu, den Jungs ja warmes Wasser ermöglichen!?

ENSA-Gruppe 14.10.09 Armstrong Knitting Company (von Tatjana und Katharina)

Frühmorgens lassen wir die kühleren Temperaturen Ootys hinter uns, wo wir die letzten zwei Nächte verbracht haben. "The brake is overheated", diese Äußerung unseres Busfahrers beschert uns eine längere Zwangspause am Hang der Serpentinenstraße in den Blue Mountains. Schließlich entscheidet der Fahrer, dass wir sicher weiterfahren können und wir kriegen endlich unser Frühstück: Cola, Sprite und Toastbrot.

Mit mehr als einer Stunde Verspätung erreichen wir die Armstrong Knitting Company und werden wie immer mit Blumenketten begrüßt. Überrascht von der Größe des Unternehmens setzten wir uns in einen klimatisierten, gut ausgestatteten Konferenzraum. Versorgt mit Keksen und Kokosnüssen zum Trinken hören wir drei Powerpoint-Präsentationen. Wir erfahren, dass das Familienunternehmen 1969, dem Jahr der ersten Mondlandung, von Mister E. Palanisamy gegründet wurde und nach dem ersten Menschen auf dem Mond (Neil Armstrong) benannt wurde.

Die Idee "Manufacturing and Supplying Garments Globally" hat das Unternehmen immer weiter entwickelt, bis es im Jahre 2001 einen Teil seiner Produktion von konventionell auf biologisch angebaute Baumwolle umgestellt hat. Mehrere Tausend Kleinbauern bauen im Norden Indiens für Armstrong Biobaumwolle an und wenn ein Kunde Fairtrade-Produkte ordert, gibt Armstrong die damit verbundenen guten Konditionen an seine Lieferanten weiter. Vom Anbau der Baumwolle bis zum Auszeichnen und Verpacken des fertigen Produktes liegt bei Armstrong alles in einer Hand.

Es werden Produkte hergestellt, die unter anderem das Zertifikat "Fairtrade" und die "EU-Flower" tragen dürfen. Mittlerweise beträgt der Anteil dieser Produkte 55 Prozent, und das Unternehmen wartet nur auf steigende Nachfrage, um diesen Anteil zu erhöhen: Wir alle sitzen mit unserem Einkaufskorb am Hebel und können durch unser Konsumverhalten dazu beitragen, dass mehr ökologisch hergestellte, fair gehandelte Kleidung produziert werden kann. Die Armstrong Knitting Company hat sich auf den westlichen Markt konzentriert und beliefert in Deutschland unter anderem Lidl, dm und NKD. Durch diese großen Auftraggeber erzielen sie einen Umsatz von jährlich über 30 Millionen US Dollar. Weitere Informationen unter www.armstrongknittingmills.net

Nach den theoretischen Erläuterungen können wir uns die Produktion ansehen: Zuschneiden, Bedrucken, Besticken, Nähen, Qualitätskontrolle, Verpacken. Bei allen Produktionsschritten wird auf Sicherheits- und Schutzmaßnahmen geachtet, und es werden bei der Fertigung von ökologischer Bekleidung besonders strenge Regeln befolgt. Nach Auskunft des Managers wird den 1800 Angestellten etwas mehr als der gesetzliche Mindestlohn gezahlt. Der Verdienst liegt etwa bei 2500 Rupien im Monat (etwa 36 Euro). Lehrer verdienen hier auch nicht viel mehr.

Zum Schluss würden wir gerne ausgiebig shoppen, können uns aber in einem Schauraum nur eine Muster-Sammlung bisheriger Aufträge anschauen. Das Fairtrade Shirt des Roskilde Festivals 2009 und einige andere Sachen gefallen uns sehr gut. Entschädigt werden wir durch eine gratis Baumwolltasche mit Melonenaufdruck, die wir vom Juniorchef und seinem Public Relations Manager zum Abschied überreicht bekommen. Wir können uns alle nach dieser sehr überzeugenden Präsentation der Produktionskette gut vorstellen, unsere Schul-T-Shirts in Bio-Qualität bei der Firma Armstrong zu bestellen. 

ENSA-Gruppe 15.10.09 Cochin am Vormittag (geschrieben von Hendrik)

Nachdem wir erholt und nach einem leckeren Frühstück (diesmal allerdings „nur“ European Style...) unser Hotel "The Arches" www.hotelarches.com um 9.30 Uhr verlassen hatten, gingen wir zum nahegelegenen Fischmarkt, der direkt am Meer liegt. Die Fischer erklärten uns, dass sie eine aus China stammende Fischfangpraktik anwenden. Durch eine geschickte Konstruktion und mit purer Muskelkraft können sie ihre fest installierten Netze mit einer Spannweite bis zu 5 Metern aus dem Wasser hieven.

Dies habe ich mit Andrea und Michael zusammen selbst ausprobiert, aber trotz der harten Arbeit erzielten wir nur einen geringen Ertrag – nämlich ganze 3 Fische, die wir gleich wieder freiließen.

Dafür erhielten die Fischer von mir einen Obolus von 100 Rupien, da sie angeblich nach dem Tsunami ständig sinkende Erträge hätten und deshalb auf die Einnahmen von Touristen wie uns angewiesen seien.
Na, wie auch immer: Es hat Spaß gemacht.

Selbstverständlich wurden bei den Chinese Fishernets neben verschiedensten Fisch- und Krabbenarten auch noch andere Dinge wie Postkarten, Schnitzereien, Gewürze usw. angeboten. Schlussendlich schaffte ich es sogar nach hartnäckigen und langwierigen Verhandlungen ein Schachspiel für ein Drittel des anfänglichen Preises zu erwerben.

ENSA-Gruppe 15.10.09 Backwaters in Kerala: Palmen, Reis und Tempel (geschrieben von Michael)

Nachdem wir also das Netz gehievt, schwer gearbeitet und dafür auch noch bezahlt hatten, betrachteten wir dies als praktische Fortbildung in touristischer Ökonomie. Die Straßenhändler hielten dann sofort das nächste Kapitel in angewandter Ökonomie bereit: Übungen zur Preisfindung in einem unbekannten Markt ohne die trügerische Sicherheit fixierter Preise. Was ist denn nun einem wie viel wert? Was ist der Preis, mit dem Käufer und Verkäufer zufrieden sind? Ist es ein Betrugsversuch, das x-fache des endgültigen Verkaufspreises zu fordern? Und ab wann ist ein Kaufangebot beleidigend? (Für Hinweise zur Beantwortung dieser und anderer Fragen siehe Max Weber, Karl Marx und Konsorten).  Wir lassen die Frage offen und genießen unseren ersten „Urlaubstag“, packen uns und unseren (Sarahs) Rollstuhl in einen Bus, machen einen Abstecher zu einem Gewürzmarkt, der nach eigenen Angaben überwiegend organically grown spices anbietet  und fahren nach Alleppey, um uns auf unsere Hausboote einzuschiffen.

Die Boote sind auch da, wie über Comtour www.comtour.de/hausbootkreuzfahrte0.0.html bestellt, riesig und komfortabel. Wir schippern einen Kanal entlang, der sich zu einem beträchtlich großem See aufweitet. Dann Aufregung beim Bootsführer und Kapitän, denn die Wasserpolizei hat sich soeben per Handyanruf zu einer Inspektion angemeldet. Also erst mal keine entspannte Idylle, sondern Beidrehen und Palaver, Papiere reichen, diskutieren. Alles verwirrend für uns Bleichgesichter, schon mal wegen des ständigen Kopfschüttelns, das ja hier eigentlich Zustimmung bedeutet. Aber irgendwas stimmt nicht, denn beide kontrollierten Schiffe bekommen einen schönen Zettel an den Bug geklebt: "Checked unfit - not permitted to ply!" Und das 30 Minuten nach Abfahrt! Was tun? Wie überall auf der Welt: Erst mal warten bis die Polizei weg ist und dann weiterfahren. Aber Hallo - die kommt hinterhergefahren! Also ran ans Ufer und so tun als ob... Aber zum Glück sind wir nicht mehr interessant, sondern das nächste Schiff wird kontrolliert. Und so ziehen wir unserer Wege, auch mit abgelaufener Zulassung als Hausboot mangels rechtzeitiger Steuerzahlung. Beim nächsten Halt werden die Zettel von der Crew abgekratzt – der Hinweis, ein stillgelegtes Boot zu führen, macht sich wohl nicht so gut...

Wir ziehen Kanäle entlang, gesäumt von Palmen auf schmalen Deichen, auf denen winzige Häuschen stehen. Hinter den Deichen erstrecken sich endlos Reisfelder in allen Anbau- und Wachstumsstadien.  Erste Lektion: Die Backwaters sind kein Salzwassersystem sondern Süßwasser und intensiv landwirtschaftlich genutztes Land. Jeweils im Norden und Süden der Backwaters trennt ein Wehr den salzwasserhaltigen Teil des Systems ab. Zum Meer hin besteht eine Art natürlicher Schleuse, die einen gewissen Abfluss des Süßwassers erlaubt. Der Pegelstand der Kanäle liegt meist sichtbar höher als das umliegende Land. 

Da wir am Abend  einen hinduistischen Tempel besuchen „sollen“, legen wir in der beginnenden Dämmerung irgendwo an. Ein paar Motor-Rikschas (Tuk Tuks) rattern mit uns zum nahe gelegenen Tempel. Die Dämmerung bricht herein, feuchte 33 Grad, kein Wind, dafür eine Gruppe Fremder in einer hinduistischen Tempelanlage. Enttäuschung bei einigen, denn der Sri Krishna Temple Tempel in Ambalapuzha ist nicht bunt, alles sieht eher schäbig aus. Ein riesiger Elefant verbringt seine Tage unter einem Pavillon und wartet auf die jährliche große Prozession. Wir versuchen, den Erklärungen unseres Guides zu den vielfältigen Erscheinungsformen Vishnus, dem bewahrenden Gott des hinduistischen Dreigestirns, in der Person Krishnas zu folgen. Ins Innere des Tempels dürfen wir nicht. Wir könnten uns falsch verhalten und sowohl anwesende Beter stören als auch uns selbst gefährden.

Ein Tempel ist für einen hinduistischen Gläubigen eine Art körperliche Anwesenheit des jeweils verehrten Gottes, und ein liturgisches Fehlverhalten eine Art von Körperverletzung der Gottheit. So zumindest versucht uns unser Guide den Ausschluss von uns Nicht-Hindus aus dem Tempelinneren zu erklären. Die Außenwände des Tempels bestehen aus unzähligen kleinen Nischen, eine jede mit einer kleinen Öllampe bestückt, ein bezaubernder Eindruck im orangefarbenen Abendlicht. Es herrscht reger Betrieb, viele Betende, Tempelmusiker, vereinzelt ein Sadhu - und wir sind die große Attraktion. Allen voran Sarah, die im Rollstuhl sitzend ungefähr so viel neugieriges Erstaunen hervorruft, wie ein Albino-Elefant auf Stelzen in der Langen Straße. Wir lassen nach einem langsamen Rundgang durch Tempel und anschließende „Einkaufsmeile“ die Beter mit ihren Lichtern in der Nacht zurück und rattern mit unseren Tuk Tuks zum Schiff und zu unserer ersten Nacht an Bord.

ENSA-Gruppe 16.10.09 Auf den Hausbooten (geschrieben von Regina)

Nach dem Frühstück, das eigentlich um 8:00 sein sollte, aber erst gegen 8:30 auf dem Vorderdeck serviert wurde (eines der wenigen Vorkommnisse von „Indian time“), schippern unsere drei Boote ganz gemächlich durch das ausgedehnte System von Lagunen und Kanälen. Die Wasserwege sind meist an den Rändern befestigt, an den Kreuzungen mit Hinweisschildern und Kilometerangaben versehen und führen durch eine intensiv bewirtschaftete, gepflegte Kulturlandschaft. Schleusen verhindern den Zufluss von Salzwasser, so dass genügend Süßwasser zur Bewässerung vorhanden ist. Nassreisfelder so weit das Auge blickt. Reis in allen Vegetationsstadien von fast erntereif bis gerade gesetzt. Wir legen an und gehen durch einen kleinen Ort an den Zufluss eines Wasserweges in den indischen Ozean. Klaas und Hendrik stürzen sich gleich in die Fluten, kommen nach 50 Metern jedoch zurück, da ihnen das Wasser dreckig vorkommt.

Dann gehen wir auch bald zu unseren Hausbooten zurück, da unsere Begleiter bereits den Fisch für das Mittag- und Abendessen gekauft haben: Makrele und einen „Pearl Spottet...“ (den Rest hab ich nicht verstanden, jedenfalls den einzigen Süßwasserfisch, den Indien exportiert – sehr lecker! ). Auf Bananenblättern werden die Mittags- und Abendmahlzeiten serviert, die immer aus vielen mehr oder weniger (für uns extra weniger) scharfen Linsen- und Gemüsegerichten, Reis und jeweils einer anderen indischen Brotsorte (Chapati, Papadam, Roti, Poori... ) bestehen und eben aus Fisch. Als Nachtisch gibt es zuckersüße Ananas.
Ja, es geht uns wirklich sehr gut!

Wir fahren weiter durch die grüne Landschaft. An Schulen mit winkenden Kindern und an Häusern mit geschäftigen Menschen vorbei, die ihr morgendliches Bad im Fluss nehmen und ihre Wäsche und ihren Abwasch darin erledigen. Selbst ein Auto wurde darin gewaschen... Dann halten wir an einem Kokospalmenhain, um eine Seildreherei zu besichtigen. In einem schattigen Unterstand fertigt eine Frau Seile aus Kokosfasern. Zuvor wurden die aufgeschlagenen Nüsse in riesigen Netzen à 15.000 bis 20.000 Stück für ein halbes Jahr im Wasser versenkt, dann die verwertbare Faser vom unbrauchbaren Rest getrennt und schließlich zu Seilen gedreht. Mit diesen Seilen werden hier Bambusstäbe verbunden; auch bei unseren Hausbooten sind etliche Meter dieser Seile verbaut worden.

Schnell bricht die Dunkelheit herein. Glühwürmchen schwirren durch die Luft und Grillen zirpen, ansonsten herrscht eine angenehme Ruhe und friedliche Stille. Nach dem Abendessen auf den Booten (mit jeweils eigenem Koch) wandert die Vierergruppe des einen Bootes zu den anderen Fünfen, um sich einen gemütlichen Abend zu machen: Karten spielen, quatschen, „chillen“ und den Tag Revue passieren lassen. Der "Sony Man" war zwar schon da, aber die Satellitenanlage auf dem Oberdeck unseres Bootes funktioniert (glücklicherweise) immer noch nicht. So bleiben uns die 100 zu empfangenden Sender erspart. Laut unserem Captain ist das Fernsehen auf dem Boot besonders für indische Familien ("daily soaps") und ältere deutsche Reisende ("Nachrichten") wichtig.

ENSA-Gruppe 17.10.09 Kirche und Drachenboot (geschrieben von Regina)

Ein letzter ganzer Tag auf unseren geruhsamen Hausbooten liegt heute vor uns. Beim ersten Stopp besichtigen wir die St. Mary’s Forane Church in Champakulan. Eine Besonderheit sind die ausschließlich mit Naturfarben gemalten Deckenfresken. Morgen ist St. Mary’s Festival und wir können beobachten, wie die Umgebung der Kirche liebevoll geschmückt wird: silberne Girlanden, Friedenstauben aus Styropor in verschiedenfarbigen Reifen – Hauptsache bunt und glitzernd.

Für den morgigen Andrang an Gläubigen hatten schon die Händler ihre Jahrmarktsbuden mit Nüssen, Chips, Plastikspielzeug, Haarschmuck und Armreifen aufgebaut. Da an dieser Stelle oft die Hausboote mit Touristen anlegen, gibt es auch die gesamte Palette an Souvenirs: Postkarten, Gewürze, Schnitzereien, Kleidung, Tücher, Taschen und Kochbücher.

Dann müssen wir noch den Stolz der gesamten Gegend bewundern: Ein 130 feet langes und 69 inch breites Drachenboot („Chundah“), das jeweils im Oktober jeden Jahres am großen Nehru Trophy Boat Race in Alleppey teilnimmt und dort bereits mehrfach gewonnen hat. Es wird von 105 Ruderern, 11 Taktgebern und 5 Steuerleuten gefahren und war auch bei anderen Rennen erfolgreich, wie man auf einem Schild nachlesen kann.

ENSA-Gruppe 18. und 19.10.09 Ein Tag in Chennai (von Regina)

Etwas wehmütig haben wir unsere Hausboote verlassen – das entspannte, gemütliche Leben hätte ruhig noch etwas weiter gehen können.

Eine letzte Mittagsmahlzeit in Kerala, dann geht es in Alleppey in den Nachtzug, der um 16 Uhr nach Cochin abfährt. Wir haben Plätze im „A/C Two Tier“- Abteil, der besten Kategorie. Leider haben wir alle nur Plätze auf den oberen Liegen, da die unteren schon reserviert waren.

So verbringen wir eine mehr oder weniger erholsame Nacht, die mit etwas Verspätung um 7:30 Uhr in Chennai endet. Lucas holt uns ab und leitet uns durch die feucht-warme Enge und die Menschenmassen des Bahnhofs. Bei unserer Unterkunft im Priesterseminar einer katholischen Kirche mitten in Chennai erwarten uns unsere indischen Partnerschüler, die teilweise schon seit 4 oder 5 Uhr unterwegs sind. Und es erwartet uns die Erkenntnis, dass wir Sarahs Koffer im Zug vergessen haben. Also fahren Michael und Lucas noch mal hin und kommen tatsächlich mit dem Koffer zurück. In der Zwischenzeit vergnügen sich die indischen SchülerInnen mit den Klingeln an den Zimmern – so etwas kannten sie noch nicht! Nun können (es ist mittlerweile 10 Uhr) alle ihr Frühstück einnehmen. Wir vertilgen mehrere Dosas mit scharfer Soße und Kokos-Chutney (Dosas sind dünnes Gebäck, eine Mischung aus Pfannkuchen und Crêpes, die in Soße getunkt werden). Im Restaurant singen wir lautstark „Wie schön, dass du geboren bist“ für Sharmila (ganz in pink), die heute 16 Jahre alt wird.

Am Memorial für Dr. Ambedkar verbringen wir noch einige Zeit, bevor wir unseren 14-Uhr-Termin im Deutschen Konsulat wahrnehmen können. Dr. Ambedkar war der Gegenspieler von Gandhi. Er sah die Befreiung von britischer Herrschaft als nachrangig an. Vorrang habe die soziale Gleichstellung innerhalb der indischen Gesellschaft, so Ambedkar, der schließlich erreichte, dass das Kastenwesen zumindest laut Verfassung in Indien abgeschafft ist. Ambedkar gilt heute noch als Volksheld und ist besonders bei den Dhalits ein Idol. Auch unsere Austauschschüler sehen in ihm ein Vorbild.

Im deutschen Konsulat werden wir nett begrüßt und erhalten von Konsul Hans Sturm und seinem Mitarbeiter Herrn Kowitz eine Einführung in die Aufgabenbereiche eines Konsulats. Deutsche und indische SchülerInnen erfahren viel Neues. Etwa 40.000 Visen stellt das Konsulat in Chennai aus, lediglich 8 Prozent der Anträge werden abgelehnt. Die Betreuung der etwa 800 im Einzugsgebiet lebenden Deutschen gehört ebenso zu den Aufgaben, wie die Hilfe für in Not geratene Bundesbürger. Eine Tüte Gummibärchen für jeden und ein kaltes Getränk mit Keksen hilft die Formkrise zu überwinden, die sich bei fast allen in der Mittagszeit bemerkbar macht.

Dann ist einkaufen im „Spencer Plaza“, der Shopping Mall in Chennai angesagt. Die indischen SchülerInnen betrachten zurückhaltend bis neugierig interessiert den Inhalt unserer Tüten. Meist sind es indische Oberteile oder zweiteilige Salwees, die wir gekauft haben. Andrea und Regina erstehen jeweils ihr Outfit für den Indien-Abend im November. Das Größte für die indischen Schüler ist jedoch die Rolltreppe. Besonders die Jungs fahren immer wieder rauf und runter – sicher das erste Mal im Leben. Der Fahrstuhl ist ihnen eher suspekt und sie fahren nicht damit.

Ins Kino soll es dann für alle gehen. Angesichts der riesigen Menschenmenge vor dem Kinokomplex und der Aussicht auf lediglich einen Schwertkampffilm, treffen wir dann die beste Entscheidung: Wir gehen essen.

Im Restaurant einer Kette, die sich auf vegetarisch-südindisches Essen (mit einigen chinesischen Gerichten auf der Karte) spezialisiert hat, sollen wir Platz im klimatisierten 1. Stock nehmen. Jetzt sind alle indischen SchülerInnen mutig und nehmen den Aufzug. Wir laufen die eine Etage zu Fuß... Die vielen Kellner erledigen unsere Bestellungen prompt. Unsere indischen Gäste wollen zunächst nur „vegetable rice“. Dann legen sie los und bestellen mehr: riesige lecker-knusprige Dosas und Tee und Fruchtsalat mit Eis. Michael erklärt Lucas, wie man mit Kreditkarte bezahlt und wie das Trinkgeld gegeben wird. Wer weiß, wofür er dieses Wissen noch mal benötigt...

Dann geht es für beide Gruppen in die Unterkünfte: Für die einen in 2-Bettzimmer mit Dusche, für die anderen in einen Schlafsaal mit Strohmatten. Morgen nach dem Frühstück treffen sich alle für ein volles Programm: 1. Besuch des National Institute of Fashion Technology, 2. Kaufhausbesuch mit Einkauf für den Indien-Basar am 19.11.09, 3. Besuch einer Textilfabrik, 4. Fahrt nach Mamallapuram zum Strand (ganz wichtig!!), 5. Rückfahrt nach Neerpair. Mal sehen, ob alles so klappt wie geplant.

ENSA-Gruppe 20.10.09 Trockene und nasse Kleidung (von Regina)

Der heutige Tag war super organisert (Danke, Michael!) und alles hat (fast) wie geplant funktioniert. Lediglich beim Firmenbesuch durfte nicht die gesamte Gruppe kommen, da es zu viele Leute waren. So fuhren nur etwa die Hälfte der indischen SchülerInnen und sechs Leute der deutschen Gruppe hin. Die anderen waren in dieser Zeit schon im Sarawana Store.

Die Textilfabrik "ISEX" unterscheidet sich deutlich von der Fa. Armstrong. Sie produzieren dort sogenannte "high end"-Textilien für den gehobenen Markt wie beispielsweise die Marken Hilfiger und g-star. In der Produktionshalle, die hinter einer antiken geschnitzten Tür liegt, arbeiten mindestens viermal so viele Näherinnen. Sie verdienen nach Aussage des Chefs das Doppelte des Mindestlohns. Das derzeit gefertigte Hemd besteht aus sehr vielen Einzelteilen, hat aufwändige Stickereien und Applikationen, Seitenschlitze, dreifache Ziernähte, und, und, und. Interessant, wie etwa der Kragen auf rechts gewendet und dabei mit einer speziellen Vorrichtung die Kragenspitze herausgedrückt wird. Der Sitz jedes einzelnen Knopfes wird mit Kreide markiert. Jede Arbeiterin (es gibt auch Männer, die jedoch eher in Unterzahl) führt nur einen Arbeitsschritt aus, so dass das Werkstück (Hemd) wie am Fließband die verschiedenen Arbeitsstationen durchläuft. Es sind bestimmt mehrere Hundert Arbeitsschritte bis aus einem Stück Stoff ein fertiges Hemd entstanden ist.

Wenn ein Kunde Ökoqualität wünscht, stellt "ISEX" auch das her. Priorität hat dies jedoch nicht. Die Stoffe werden meist aus China oder Indonesien bezogen. Günstige Einkaufspreise sind oberstes Gebot, um den Gewinn zu optimieren. Teile des Profits werden in den erlesenen Kunstgegenständen, Möbeln und Objekten des modern gestalteten Empfangs- und Showbereiches sichtbar, aus dem man in die Fertigungshalle gelangt. Es ist wie die Passage in eine andere Welt und in eine andere Zeit: Aus dem klimatisierten Showroom in die stickig-warme, lärmend-geschäftige Produktionshalle. Von Hightech zum Sweat Shop, von globalisierten Fashion-Trends des 21. Jahrhunderts zur Reihenfertigung wie im frühen 20. Jahrhundert.

Nachdem wir unsere Einkäufe für den Basar am 19.11. erledigt haben, geht es (endlich!) zum Meer. Ganz vorsichtig werden erste Schritte gewagt, erst nur die Zehen hinein, dann bis zu den Knöcheln. Dann kommt eine Welle - schon ist die Kleidung bis zur Hüfte nass. Irgendwann ist es egal: Divya sitzt in voller Montur im lauwarmen Wasser des indischen Ozeans und spielt im Wasser wie ein Kleinkind. Die Freundinnen fassen sich an den Händen, hüpfen über die Wellen, malen Buchstaben in den feuchten Sand und freuen sich über jede Sekunde, die sie am Strand verbringen können.

Dann kommen auch die Jungs. In Hose und Unterhemd werfen sie sich in die Wellen und wetteifern mit Klaas und Hendrik beim „body surfing“ (offenbar das erste Mal, aber gleich total geschickt). Hendrik holt sich eine Schürfwunde, aber das tut dem Spaß erst mal keinen Abbruch.

Nass und glücklich machen sich alle auf den späten Heimweg nach Neerpair. Dort gibt es noch ein leckeres Abendessen und die meisten können erschöpft ins Bett fallen. Die indischen Mädchen allerdings, die heute ihre Kleidung durchnässt haben, wollen sich frische Sachen holen und machen sich mit dem letzten Bus auf den Heimweg. Viel Schlaf  bekommen sie in dieser Nacht nicht, da sie mit dem ersten Bus am nächsten Morgen zurückkommen müssen.

ENSA-Gruppe 21.10.09 Färben und Sticken (geschrieben von Regina)

Heute stand T-Shirts färben und besticken auf dem Programm. Wir wussten eigentlich gar nicht so genau, wie der Tag ablaufen sollte, waren jedoch sicher, dass es irgendwie klappen würde.  Wir wurden in den Unterrichtsraum des Fashion Design Institutes geführt (in dem unsere Collagen der ersten Woche hingen!).

Und, Überraschung:  Der Fashion-Design-Lehrer Mr. Surya hatte eine „Einführung in Methoden der Textilgestaltung“  für uns vorbereitet. Also saßen wir in den Bänken und hörten seinen theoretischen Erläuterungen zu Färbemethoden mit Büffeldung, Eisenoxid und Pflanzenfarben zu.

Er hatte weiße Stoffstückchen für uns vorbereitet, mit denen wir verschiedene Batiktechniken ausprobieren konnten. Darauf, dass wir alle T-Shirts und Taschen zum Färben dabei hatten, war er eigentlich nicht vorbereitet. Aber es wurden kurzerhand einfach noch mehr Färbebäder hergestellt und wir konnten mit Gelb, Rot und Blau experimentieren.

Die zusammengebundenen Stücke wurden vor dem Gebäude an den Maschendrahtzaun zum Trocknen gehängt. „Do not open“, wurde ich belehrt, als ich mein rot-gelbes Shirt gleich entfalten wollte. Also erstmal „tea break“ und dann gings weiter.

Wir stempelten mit Holzstempeln Elefanten, Blütenranken und andere Ornamente auf unsere Stoffe. Dass es mit dem Besticken nicht klappen würde, war uns schon seit dem Tag klar, als wir den Sticklehrer beobachteten, der kunstvoll Chiffonsaris bestickte. Bei ihm sah es so mühelos und flink aus, aber als einige von uns dies auf Übungsstoffen selbst versuchten, stellte sich heraus, dass das Ganze doch „eine Kunst“ ist. Mit einer winzigen Häkelnadel wird in den Stoff eingestochen, unterhalb wird ein dünner Faden gefasst, der dann als Schlaufe gezogen wird, um im Abstand wieder einzustechen. Perlen und Pailletten werden auch so aufgestickt beziehungsweise „aufgehäkelt“. Es sieht toll aus, ist aber nicht ohne ganz viel Übung möglich! Für drei Einstiche habe ich mehrere Minuten gebraucht (und war dann komplett Schweiß überströmt). So viel also zum Selber machen. Von unseren AustauschschülerInnen konnte auch nur Dhavamary gut sticken.

Aber der „Master of Stick-Desaster“ hatte einen riesigen Vorrat an Strass-Steinchen und Pailletten, die wir mit Textilkleber auf unseren Shirts und Taschen befestigten. So entstanden einige recht hübsche selbst gemachte Stücke.

Zum Schluss hat der Sticklehrer unsere Namen auf Tamil mit Pailletten gestickt und alle konnten ein nettes Souvenir mitnehmen. Er hat sich über eine geschenkte Schere und ein Maßband mit Rückhol-Mechanismus gefreut, und zwei schöne weiche Handtücher hat er auch noch bekommen.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft!  

ENSA-Gruppe 22.10.09 Abschlussrunde (von Regina)

Die Idee für die Methodik der Abschlussrunde kam uns (Andrea, Michael, Regina und Tatjana und Katharina) nach längerem Überlegen, wie wir es am besten machen könnten. Einig waren wir uns, dass es irgendwie strukturiert werden sollte, damit alle etwas sagen würden und wir verwertbare Ergebnisse bekämen. In der großen Runde jedeN etwas sagen lassen? In drei Gruppen teilen? Alles nicht so toll...

In Idingen beim Vorbereitungssseminar hatten wir zum Abschluss ein Boot, in dem wir uns – je nach Befindlichkeit – in unterschiedliche Räume platzieren konnten. Aber würden die Inder etwas mit den Konzepten „Bibliothek, Tanzsaal, Kombüse oder Kommando-Brücke“ anfangen können? Wohl eher nicht, hatten sie doch beispielsweise vorgestern teilweise das erste Mal überhaupt ein Schiff oder Boot gesehen... Also brauchten wir etwas, das näher an ihrer Lebenswelt war. Also entschieden wir uns, die Räume des Schulgebäudes und des Fashion Design Instituts, die wir benutzt haben, zu nehmen.

Kathie und Tatjana zeichneten eine Ansicht des Schulgebäudes und des Nebengebäudes und einen Bus, der den Ausflug und die Besichtigungen in Chennai symbolisierte. Auf dem Dach der Schule gab es „Yoga“, darunter befanden sich der „Work Room“ und die „Sleeping Hall“. Im Erdgeschoß gab es den „Game Room“ und den „Styling Room“. Das Nebengebäude beherbergte die „Dining Hall“ und den „Fashion Room“. Auf dem Außengelände gab es noch „Sports“. Alle haben reihum zwei Räume genannt (und den eigenen Namen hinein geschrieben), die ihnen am wichtigsten waren und kurz ihre Entscheidung begründet.

Der Bus wurde schnell voll. Für fast alle Inder war der Ausflug das absolute Highlight. Das erste Mal im „Spencer Plaza“ http://en.wikipedia.org/wiki/Spencer_Plaza, der Shopping Mall in Chennai. Endlich mal auf einer Rolltreppe fahren, die sonst nur im Fernsehen zu sehen ist. Der Besuch im deutschen Konsulat, dem „National Institute of Fashion Technology - NIFT“ http://www.nift.ac.in/index.html und der Bekleidungsfirma „ISEX“ http://www.isexfashions.com/home.asp waren wohl auch beeindruckend, ebenso wie das riesige Kaufhaus "New Sarawana Stores" http://www.saravanastoresnew.com/.

Aber auch der "Work Room" wird voll, denn die gemeinsam erarbeiteten Dinge sind offenbar bei ganz vielen gut angekommen und haben viel Spass gemacht. "Games" und "Fashion" werden auch oft gewählt. Dass "Dining Hall", "Sports" und die anderen Kategorien weniger genannt werden, liegt bestimmt auch daran, dass nur zwei Bereiche gewählt werden durften.

Lucas war der letzte, der an der Reihe war. Er platzierte einen "Knaller" in bewährter "Lucas-Manier": In einen leeren Raum schrieb er "OVER ALL" und meinte damit, dass ihm alles - eben "over all" - gut gefallen habe.

Ein passenderes Schlusswort konnte es nicht geben!

ENSA-Gruppe 22.10.09 Verabschiedung (von Regina)

Der tägliche Verabschiedungsappell wurde heute genutzt, um uns zu verabschieden. Der Schulleiter, der Schulsprecher und Andrea hielten ergreifende Reden. Andreas Worte wurden von Father Selvam (dem Nachfolger von Father Suresh als "correspondent" der Schule) auf Tamil übersetzt. Es gab viel Applaus! Der Schulchor sang und wir durften Preise für gute Leistungen an die Schülerinnen und Schüler verteilen. In den Umschlägen befand sich jeweils ein kleiner Geldbetrag.

Dann erhielten wir nett gestaltete Plakate, die von den Lehrern und den anderen Mitarbeitern unterschrieben waren. Die Verabschiedung auf der Bühne vor der großen Runde der Schülerinnen und Schüler war schon sehr bewegend.

Der Abschied von den einzelnen Mitgliedern unserer Gruppe war aber noch um einiges heftiger. Alle Mädchen wurden lange umarmt (dabei merke ich erst richtig, wie dünn fast alle sind). Bei den Jungs erfolgte der Abschied per Handschlag (im wahrsten Sinne, denn sie zeigten uns ihr Abklatsch-Ritual, das wir oft wiederholten) und mit vielen netten Worten, die alle einen Tenor hatten: "Wir wünschen Euch alles Gute und hoffen, dass ihr wiederkommt."

"We hope to see you again!" Das war unsererseits mehr als eine Floskel, denn wir hoffen auf einen positiven Bescheid von ENSA, bei denen wir einen Folgeantrag für eine "Incoming"-Begegnung gestellt haben.

ENSA-Gruppe 22.10.09 Abschied (geschrieben von Klaas)

Die Verabschiedung in der Schule in Neerpair empfand ich als eine lange, leicht quälende Prozedur. Es wurde sich verabschiedet, und da noch nicht alles bereit zum Abreisen war, stand man traurig herum und flachste, nicht wissend was zu tun, albern herum.

Ganz besonders war für mich der Moment, als Pushparaj mir eine Kette schenkte, ein unglaublicher emotionaler Wert. Und die ganzen Hände, die einen noch ein letztes Mal berühren wollen.

Und als mir dann am Flughafen bewusst wurde, dass ich wohl erst mal nicht wieder so angenehme Temperaturen zu erwarten habe, wurde mir richtig klar, dass die Indien-Reise zu Ende ist.